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Award : News19.12.2015

Award-Gewinnerin 2015 Sandra Fröhlich: Es ist weniger das Mann-Frau-Ding als das Lustig-Ernst-Ding

Die erste Bike Woman of the Year, die fembike gemeinsam mit Fachmedienmarke »bike und business«, den Branchenpartnern BMW Motorrad, Hermann Hartje KG und Harley-Davidson  Deutschland, heißt Sandra Fröhlich. Und der Name ist Programm. Die Powerfrau ist glückliche und lustige Mitinhaberin der Schweizer Edelharley-Schmiede McSands. Fembike sprach mit der stolzen Bike Woman.

Wie kamst du dazu, bei dem Award Bike Woman of the Year mitzumachen?

Eine gute Freundin hat mir den Link geschickt. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob ich mitmachen will. Nachdem ich mich durch die Formulare gekämpft habe, dachte ich: Wenn du es machst, dann mach es richtig. Die größte Herausforderung war das Bewerbungsvideo zu drehen.

"Dass ich gewonnen habe, das habe ich erst nicht realisiert"

Das ist gut geworden, immerhin hast du den Award gewonnen.

Oh, ja, ich habe mich riesig gefreut. Die Verleihung war sehr spannend, so wie Frauke von fembike und Stephan von Bike & Business sie aufgebaut haben. Als sie mich als Gewinnerin präsentierten, habe ich es erst nicht realisiert. Ich habe gewonnen? Das war ein sehr emotionaler Moment für mich.

 

 

Warum bist du eine Bike Woman? Was machst du?

Vor sieben Jahren, also 2008, habe ich eine eigene Firma gegründet. Ich bin Maschinenbauingenieurin und arbeitete damals im Schiffsbau mit Dieselmotoren. In meiner Freizeit revidierte ich Motoren. Damals dachte ich, Motoren revidieren könnte ich den ganzen Tag.

War es nicht ein Wagnis, sich als 'Motorenschrauberin' selbstständig zu machen?

Von Anfang an waren die Bücher voll. Das liegt an der Nische, die ich gefunden habe. Alte Harley-Motoren bis Baujahr 1983. Ich fuhr seit 1998 eine Harley-Davidson Baujahr 1937. Mit meinem Mann hatte ich privat schon eine kleine Werkstatt mit Drehbank, Fräsmaschine und Schweißgerät. Wir hatten neben unseren eigenen Motorrädern auch schon für gute Kollegen Motoren gemacht.

"Wenn man auf die Zeit achten muss, braucht man besseres Werkzeug"

Also brauchte es keine größere Investitionen, um die private Werkstatt in die kleine Firma umzuwandeln?

Das dachte ich am Anfang. Doch wenn man effizienter arbeiten will, wenn man auf die Zeit Sandra mit ihrer Auszeichnung vor dem Firmentorachten muss, dann braucht man besseres Werkzeug. Ich musste schon ein paar tausend Fränkli investieren.

Wie lange dauerte es, bis deine Firma auf stabilen Beinen stand?

Drei Jahre. Nach drei Jahren schrieb ich schwarze Zahlen. Zu Beginn war ich natürlich mit dem Preis vorsichtig. Es dauerte, bis ich Arbeitsablauf und Kostenrechnung realistisch einschätzen konnte. Und ich hatte von vornherein das Ziel, in drei Jahren schwarze Zahlen zu schreiben.

Das hast du geschafft.

Zu Beginn war es der Freundes- und Bekanntenkreis, der sich beziehungsweise seine Motoren opferte. Heute kommen die Kunden aus der Schweiz, Süddeutschland, Österreich und Südtirol. Es hilft auch, dass wir mit unseren Motorrädern in Urlaub gefahren waren und darüber im Moto Sport Schweiz Berichte schreiben konnten.

Ihr fahrt immer noch mit den Motorrädern in Urlaub?

Wir gehören nicht zu den Leuten, die sagen, wir arbeiten die ganze Zeit mit Motorrädern, also wollen wir in unserem Urlaub keine mehr sehen. Nein, wir machen noch Motorradurlaube und sogar frecherweise mitten in der Saison.

Mittlerweile bist du nicht mehr allein in deiner Firma.

Ursprünglich hat mein Mann …

… das Mac in dem Firmannamen McSands …

gesagt, spätestens wenn er 50 ist, muss der Laden laufen - dann kann ich ihn anstellen. Er kam dann schon früher … Er hatte einen guten Job als Forschungsleiter in einer Firma in Sandra auf einer umgebauten XT 500 und Mac auf einer Harley Davidson PanheadhrtWinterthur. Doch irgendwann wollte er wieder handwerklich arbeiten, nicht nur Statistiken und Excel-Tabellen ausfüllen. Ende 2011 beschlossen wir, dass wir es zusammen probieren wollten und im Januar 2012 gründeten wir unsere gemeinsame Firma.

Damals hast du schon schwarze Zahlen geschrieben.

Das Risiko lag weniger im Finanziellen, die schwersten Investitionen waren durch und wir müssen "nur" uns finanzieren, keine Familie. Wir mussten schauen, ob wir zusammen arbeiten konnten. Privat sind wir schon lange zusammen, heute 24 Jahre, aber den ganzen Tag zusammen sein ist dann schon etwas anderes.

"Bei Katastrophen wird auch Montags gearbeitet"

Habt ihr eine Arbeitsteilung oder macht ihr beide alles?

Ich revidiere die Motoren und Mac macht den Custombike-Aufbau. Dabei kommen wir gut aneinander vorbei. Wir sind sowieso nicht so die Streithähne. Wenn einer hängt, zieht ihn der andere wieder raus. Für mich war es auch ein guter Schritt im Gegensatz zu früher, wo ich den ganzen Tag allein war und die dritte oder vierte Hand vermisste.

Wie viel Zeit arbeitet ihr so in der Woche?

Wir haben Dienstag bis Samstag geöffnet. Zehn Stunden am Tag werden es immer. Manchmal müssen wir auch Montags arbeiten, wenn es Katastrophen gibt oder etwas fertig werden muss. Aber den Sonntag halten wir uns frei.

Es bleibt nicht bei den Arbeiten in der Werkstatt allein.

Die Büroarbeiten haben wir unter uns aufgeteilt, Buchhaltung muss Sandra ersetzt bei einem Seitenventiler das Lager im Steuerdeckelauch gemacht werden. Außerdem haben wir ein Lager mit Teilen für die alten Harleys, das müssen wir verwalten.

Und ihr geht noch auf Messen und nehmt an Wettbewerben teil.

Wir bauen im Schnitt zwei bis drei Custombikes für Kunden im Jahr und diese durften wir auch an diverse Shows schleppen. Auf der größten europäischen Custombike-Messe in Bad Salzuflen mit 30.000 Besuchern konnten wir auch schon die von uns gebauten "Alteisen" ausstellen und haben auch ein paar Preise gewonnen :-)

Sind eure Kunden also Individualisten?

Das hält sich die Waage. 50 Prozent wollen ihre Harleys als Original, die andere Hälfte legt Wert darauf, ein Motorrad zu fahren, wie es sonst niemand fährt.

"Custombikes finde ich kreativer"

Was bevorzugst du?

Ich finde den Custombike-Teil kreativer, aber was dabei herauskommt ist Geschmackssache. Ich habe mir selbst ein eigenes Bike gebaut. Daran habe ich gearbeitet bis zum Umfallen. Das ist für mich aber nicht wirklich arbeiten, weil ich keine Zeit aufschreiben und innerhalb eines Budgets bleiben muss. Da kann ich einen ganzen Morgen mit einer Halterung verbringen und bin vollkommen entspannt dabei.

Was heißt: innerhalb eines Budgets bleiben? Macht ihr euren Kunden einen Kostenvoranschlag?

Genau. Bei Motorenrevisionen, Getrieberevisionen und Custombikes erarbeiten wir eine detaillierte Offerte aus Arbeitszeit und Teilen für den Kunden. Das hat den Vorteil, dass es hinterher keine Diskussionen gibt. Den Preis für die Teile zahlt der Kunde als Anzahlung, den Rest zuKaffeeschäumen à la Sandram Schluss.

Gab es schon mal die Situation, dass jemand sein Motorrad nicht mehr abgeholt hat, weil er in der Zwischenzeit pleite gegangen ist?

Nein, das nicht. Einmal in der Projektphase ist es passiert, dass jemand ein halbes Jahr nach der Anzahlung für ein Custombike wieder kam und meinte, seine Situation hätte sich geändert: neue Freundin, Hausbau, da ist das Bike finanziell gerade nicht drin.

Nun noch die Frauenfrage. Passiert es dir, dass die Kunden dich nicht ernst nehmen? Dass jemand, der beispielsweise eine Motorenrevision will, reinkommt und sofort deinen Mann ansteuert?

Selten. Es gibt schon die Kunden, die – auch wenn ich da bin – zuerst Mac ansprechen. Wenn er dann an mich verweist, sind sie kurz erstaunt, aber auch nicht mehr. Für 80 Prozent ist das keine Frage. Ganz selten passiert es, dass mich jemand fragt, ob ich auch Motorrad fahre.

Das ist nicht zu glauben.

Es ist weniger das Frau-Mann-Ding, worin sich die Kunden im Umgang unterscheiden, sondern mehr das Lustig-Ernst-Ding. Bei bestimmten Kunden muss ich sehr ernst und betont sachlich sein, sehr fachwortbetont, um ernst genommen zu werden. Die mögen keine Sprüche.

Und die braucht es schon mal?

Ja, natürlich. Lustige Sprüche und Bier sind unsere Ideenfindungsmittel. Freitags trinken wirSandra unterwegs auf ihrem selbstgebauten Milk-Xpress ein Feierabendbier, laufen quer durch die Werkstatt, schauen die Custombikes an und klopfen ein paar blöde Sprüche. Dann kommen die Ideen. Von drei Ideen ist eine gute dabei. Das würde vielleicht mit Wasser auch funktionieren, aber mit Bier ist es lustiger.

Sandra, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Karin Schickinger

Fotos: Sandra Fröhlich