
Wann Yamaha-Fahrerinnen KTM-farbene Jogginghosen tragen ...
Knallorange ist sie, „KTM-orange“ sagt unser Service-Mann Valentin, um mich aufzuheitern und hält mir eine Jogginghose entgegen, die er am Nachmittag für mich im polnischen Supermarkt erstanden hat. Sie ist zu groß, schlabberig und ziemlich hässlich – aber hat zwei entscheidende Vorteile: sie ist erstens trocken und zweitens warm. Denn das alles sind meine Klamotten inzwischen nicht mehr.
Es ist Tag sechs der Rallye Dresden-Breslau und ich kann mich nicht erinnern, wann in den letzten fünf Wochen die Sonne geschienen hat. Seit gut 800 Kilometern pflüge ich nun im strömenden Regen mit meiner kleinen Yamaha durch Tiefsand, tiefen Matsch und durchquere tagtäglich tiefer werdende Flüsse und frage mich gerade vor Kälte und Nässe bibbernd, warum ich mir das antue. Unter der Dusche habe ich vorhin heimlich zu meinen Zehen geschielt, ob sich da schon Schwimmhäute entwickeln, weil seit fünf Tagen in meinen Stiefeln das Wasser steht. Der Trick mit dem Müllbeutel als Socke hält immer nur bis zum ersten Fluß des Tages.
Wenigstens eine trockene Hose zum Schlafen habe ich jetzt, obwohl mir als Yamaha-Fahrer ja das Orange etwas widerstrebt. Morgen werde ich auch ganz „ladylike“ mit Feinstrumpfhosen starten, mein kompletter Vorrat an langen Unterhosen hat sich in einen braun modernden, nassen Stinkhaufen verwandelt.
Der Start in Dresden und der Prolog in Radeburg war noch trocken – wenn man einmal von den künstlichen Wasserlöchern und Matschpassagen absieht, aber irgendwie ist das so lange her, dass ich es schon fast vergessen habe. Doch, ich meine mich sogar daran erinnern zu können, dass ich sogar geschwitzt habe, dass es bei der ersten Etappe in der Nähe von Görlitz sogar gestaubt hat und dass der tiefe Sand bei der Etappe nach Zagan noch soft und weich war, dass ich einen Vollbart aus dunklem Staub im Gesicht hatte und dass ich mich bei all dem Sand an die Sahara erinnert fühlte.
Auch die zweite Etappe, ein Rundkurs um Zagan war ohne Regen und viel, viel trockener, tiefer Sand und Staub. Und eben dieser Sand und Staub hatte den Antrieb meines elektrischen Roadbooks schachmatt gesetzt und die Knöpfe der Fernbedienung für Tripmaster und Roadbook blockiert. So dachte ich im letzten Drittel dieser Etappe, ich selbst hätte falsch navigiert und irrte eine gute Stunde hilflos im Wald herum – bis ich auf eine Truppe Motorradfahrer stieß, die mir sagten, ich bräuchte nicht weiter suchen, die Etappe sei wegen eines Roadbookfehlers abgebrochen worden. So blieb Zeit für eine notdürftige Reparatur vom Roadbookantrieb, ab da konnte ich nur noch vorwärts spulen, weil die Plastikrädchen dem Sand und Staub nicht stand gehalten hatten.
Ab dem folgenden Tag, der Marathonetappe mit rund 370 Kilomentern Offroad, gab es nur schweren, klebrigen Sand, der innerhalb von 50 Kilometern die Bremsbeläge herunter schmirgelt, in dem es gar keinen Spaß mehr macht, aus den Panzerwellen heraus zu springen und der sich überall am Motorrad festsetzt. Diese matschige Klebe kann man unterwegs auch nicht einfach aus den wieder und wieder blockierenden Schaltern pusten, sodass sich dann jeder die abenteuerlichsten „Fernbedienungs-Abdeckungen“ aus Kondomen, Einmalhandschuhen, Frischhaltefolie, Tape oder Plastiktüten bastelte.
Die Marathonetappe war lang und der letzte Teil durch den vielen Schlamm sehr anspruchsvoll. Meine Startzeit zum letzten Teil der Etappe lag so, dass ich mir ausrechnen konnte, viele der 120 Kilometer im Dunkeln fahren zu müssen. Aus Sicherheitsgründen breche ich ab.
Das letzte Camp in Recz erreichen nur gut 25 von 75 Motorrädern und Quads in voller Wertung, kaum einer im Hellen und die kurze Etappe vom nächsten Tag war eine willkommene Erholung, obwohl es 50 Kilometer nur durch tiefe Pfützen und Matsch ging.
Der ewige Regen peitscht wie 1000 Nadeln ins Gesicht. Langsamer fahren kommt bei Sand und Matsch nicht in Frage, denn das Motorrad ausbuddeln ist immer schlimmer! – Also, Zähne zusammen beißen und durch. Es dauert nie lange, bis die ersten Regentropfen kalt in die Unterhose rollen, ist ja auch egal, die Flüsse sind eh tief genug, um mich Zwerg darin tief genug einzutauchen. Meiner WR habe ich alle Schläuche unter die Sitzbank oder bis hoch an den Lenkkopf verlegt. Die Kleine kommt unbeschadet durch Wasser, was mich schon am Po kitzelt und muß danach nicht ein einziges Mal trocken gelegt werden.
Ich selbst kann mich endlich trocken schlafen legen in meiner knallorangefarbenen Jogginghose, wenigstens ein paar Stunden Schlaf, bis mir morgen im ersten Schlammloch wieder das braune Matschwasser ins Gesicht spritzen wird. Die ersten „Gesichtsduschen“ sind morgens immer eklig, das Wasser riecht auch nicht gerade appetitlich, aber spätestens ab der fünften Wasserlaache ist es egal – gegen Mittag wird mein Gesicht sowieso wieder bei jeder Bewegung spannen, weil eine dicke Dreckkruste darauf angetrocknet ist.
Wohlig kriecht die Wärme aus meinem Schlafsack in mich hinein, jetzt weiß ich, warum ich mir das antue: Dreck macht so glücklich! Und so schlafe ich warm und glücklich ein - denn weiß noch nicht, dass ich morgen meinen Motor töten werde, ich weiß noch nicht, dass es Matschlöcher gibt, die tief genug sind, um ein Motorrad darin komplett verschwinden zu lassen. Ich weiß noch nicht, dass ich beim Start in 20er Gruppen zur Siegesetappe nur noch Zuschauer sein werde, aber was ich ganz sicher weiß ist: diese Rallye tue ich mir ganz bestimmt immer wieder an!
Infos zur Rallye:
Die Breslau Rallye wuchs sich in den letzten 17 Jahren zu einer der größten Veranstaltungen im anspruchsvollen Rallye – Sektor aus. Mit einem Starterfeld von bis zu 300 Fahrzeugen (Motorrad, Quad, PKW, LKW) aus über 10 Nationen bietet sie auf rund 1600 offroad Wertungskilometer eine Woche lang Rallye – Abenteuer auf höchsten Niveau. Der Ruf der „härtesten Rallye“ hängt der Veranstaltung seit Jahren an – die Strecken führen durch polnische Moorgebiete, Sümpfe, Flüsse, Wälder und wüstenartige Tiefsandfelder. Ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Terrain für alle, die Spaß daran haben, Mensch und Maschine unter Belastung zu stellen. Übernachtet wird im eigenen Zelt oder Fahrzeug, die Camps in polnischen Militärgebieten bieten nur rudimentäre sanitäre Anlagen – wenn überhaupt. Wer bei der „Breslau“ startet, weiß, dass Dreck glücklich macht!
Frauen auf der Enduro sieht man bei dieser Veranstaltung selten – 2007 waren mit vier Frauen auf zwei Rädern die meisten weiblichen Teilnehmer am Start. www.rallye-breslau.com
Text: Silke Wissing
Über die Autorin:
Silke Wissing bewegt ihre zahlreichen Enduros gerne on- und offroad. Ob mit der „kleinen Blauen“ als Teilnehmerin bei diversen Rallyes (z.B. Tuareg Rallye in Marokko, Breslau Rallye in Polen, Dalmatia Rallye in Kroatien,…) oder mit den größeren Enduros auf den kurvigen Landstraßen ihrer Wahlheimat im Elsaß – ein Leben ohne Motorrad kann sich die Autorin zahlreicher Artikel in der Motorpresse nicht mehr vorstellen.
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