
Sand im Getriebe
Tina Meiers Dirtgirls Desert Camp oder warum es genial ist, Sand im Getriebe zu haben
Die Entscheidung war relativ schnell gefällt – ich legte die Motorrad-Zeitschrift zur Seite und warf meinen Rechner an. www.dirtgirls.de, die Homepage der Rallyefahrerin und erfolgreichen Dakar-Finisherin Tina Meier, lieferte mir bereits die wichtigsten Details zum somit bevorstehenden Abenteuer: Dünensurfen in Marokko, nächster geplanter Termin im April. Unbedingt wollte ich dabei sein, nicht um mich für etwas vorzubereiten, für eine andere Reise zu trainieren, nein, einfach, um die Wüste mit dem Motorrad zu erleben und Spaß mit anderen motorradbegeisterten Frauen zu haben.
Als ich dann die Nachricht erhielt, dabei zu sein, jubelte ich laut vor Glückseligkeit und ließ Ofra Haza laut „Im nin' alu“ durch meine kleine Grazer Wohnung trällern. Die ersten zwei Wüstenrennmäuse traf ich am Flughafen Frankfurt, Blind Dates, Erkennungszeichen: ein stolz getragener Endurohelm. In Ouarzazate war die „Groupe de gazelles“ dann vollständig, Tina begrüßte die Spätankömmlinge, aufatmen, lauter sympathische Mädels, die zumindest eines gemeinsam haben – die Liebe zum Mopedfahren.
Vom Muezzin in die Kasbah
Die Nacht war kurz, morgens weckte mich erst der Muezzin, dann eine maunzende Katze und als ein Bein schon fast den Boden berührte, rief mir noch ein Käuzchen laut „Jetzt geht’s los“ zu. Der Transfer mit dem Kleinbus von Ouarzazate entlang dem Gorge du Dades über das Tal der Rosen nach Merzouga in den Erg Chebbi gab mir die Möglichkeit, ausgiebig zu tratschen und schön langsam zu begreifen, dass ich in Marokko bin – ankommen. Nachdem wir unsere sieben Sachen in den Zimmern, die teilweise sogar eine traumhafte Dachterrasse besaßen, verstaut hatten, hieß es schon „Anziehen!“, Mopedhöhentest und auf zum ersten Ausflug über ein paar Kilometer Piste zur nächsten Kasbah.
Der Wind blies uns den dunkelbraunen bis schwarzen Staub ins Gesicht, während ich noch zu kämpfen hatte, die richtige Position auf dem Moped zu finden. Als wir dann bei der Kasbah etwas vom Winde verweht eindonnerten, zückten die auf dem Parkplatz wartenden Menschen ihre Kameras. Anscheinend ist eine rein weibliche Mopedrittergruppe schon etwas Besonderes – ich muss dazu sagen: Wir sahen halt auch einfach geil aus ... .
Der Ritt zurück in unsere Herberge anschließend verlief völlig entspannt. Ob dies am „Berber Whiskey“ (Minztee mit sehr viel Zucker) lag oder einfach an der ab nun geschlossenen Freundschaft mit dem blauen Blitz unter mir, war nicht wichtig, sondern einfach nur gut.
Das kleine 1x1 der Wüste
Während ich mich für den ersten Ausflug in die Dünen in meine Rüstung schmiss, war diese entspannte Ruhe zeitweise nicht mehr vorhanden. „Bist Du eigentlich auch immer so aufgeregt, wenn Du Dich anziehst?“,vertonte ich dieses Gefühl an meine Zimmerkolleginnen gerichtet. „Ja, darum schnaufe ich auch hier und da, während ich in meine Klamotten steige.“ Kollektive Aufregung vereinte.
Wir waren fast alle sandunerfahren und konnten nicht einschätzen, was uns nun erwarten würde. Tina beruhigte uns, die wir vor ihr, wahrscheinlich mit weit aufgerissenen Augen und soweit unter dem Helm ersichtlich, bleichen Gesichtern, standen, gekonnt: "Wer mutig ist, fährt langsam. Die wichtigste Regel im Sand heißt GAS!“
Die erste Runde zeigte, dass ich nicht mutig bin. Zu langsames Fahren wurde sofort mit einem Sturz belohnt. Und die Belohnung für einen Sturz wiederum lautete: Moped wuchten. Der schnelle Rechner leitet also folgende Formel ab: GAS und nochmals GAS = maximale Schonung der körpereigenen Kraftreserven. Der erfahrene Rechner aber weiß, dass hier noch ein paar wichtige Faktoren fehlen, um auch tatsächlich schonend mit seiner Kraft umzugehen. Da wäre dann zum Beispiel: NIE bergauf stehenbleiben. Beim Versuch, wieder anzufahren, vergräbt sich nämlich das Hinterrad mit Genuss im Sand. Und darauf folgt: Wenn nix mehr geht, glaube dem Hinterrad und spring runter vom Eisen, um es dann umzulegen und talabwärts in Position zu bringen. Hier noch weiter der Macht des Gasquirls zu vertrauen, bringt außer weißen Schweißrändern am schwarzen Shirt genau nichts. Dieses kleine 1x1 der Wüste murmelten wir nach dem ersten Tag in den Dünen vermutlich alle im Schlaf auswendig.
Das Team hält zusammen
Mit den Grundregeln des Sandfahrens ausgestattet führte uns Tina am folgenden Tag nun weiter und höher in die Dünen. Klar forderte der Sand hier auch seine Opfer. Doch wir halfen uns einfach gegenseitig. Und das war neben dieser unglaublich schönen Erfahrung in der Wüste, in der wirklich einzig wahren Sandkiste, herumzuspielen, mitunter das Beeindruckendste dieser Reise. Kein Meckern, kein Geraunze, dass irgendwer schon wieder liegt, nein, ganz im Gegenteil: Eine Vereinbarung, sich helfen zu lassen. Denn auch das schont Kraft und nur so kommt man auch weiter.
Mitbringsel aus der Wüste erzählen mehr als nur eine Geschichte
Als der Sandsturm wieder einsetzte, kehrten wir um. Da unterwegs die Batterie meines Mopeds den Dienst quittierte und das Ankicken nun auch nicht mehr funktionierte, hieß meine Devise für die Heimfahrt „einfach nicht stehenbleiben“. Grundsätzlich ok, doch sollte man in den Dünen gefälligst kapieren, dass hinter der windzugewandten Kante oftmals nichts ist, außer einem steilen Abhang aus weichem Sand, der dich und dein Moped dann mit Genuss verschlingt. Ich hatte Glück, fiel nicht weit und wurde innerhalb von Sekunden von den jungen Fossilienverkäufern, die in den Dünen auf ihre Kunden warten, wieder aufgestellt. Weil sie sich auch noch abmühten, mir das Moped wieder anzukicken (und es auch nicht schafften), verabredete ich mich für den nächsten Tag mit ihnen, um „Big Business“ zu machen. Meine Mitbringsel aus der Wüste haben mehr als nur eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten.
Ohne Fitness geht es nicht
Der Sandsturm wurde von Minute zu Minute heftiger und zwang uns, den Rest des Tages in unserer Unterkunft zu verbringen. Gut, es gibt tatsächlich Schlimmeres als gemütlich auf den Bänken herumzulungern und zu tratschen. Doch ganz ausgelastet war ich nicht. Der von Tina mitgebrachte Slingtrainer musste nun herhalten. Dieses extrem simpel aufgebaute Trainingsgerät, bestehend aus zwei Seilen und zwei in der Höhe verstellbaren Schlingen, trainiert nicht nur die für das Endurofahren benötigte Muskulatur, nein, er unterstützt auch meine Faulheit. Eine Übung 20 Sekunden zu halten ist schon dermaßen anstrengend, dass ein paar Minuten ausreichen, um nebst gewissensberuhigender Wirkung auch meine Muskeln aufzubauen. Zusätzlich sorgte mein verzwicktes Gesicht für Aufheiterung – ein wahres Multitalent also.
Besuch in der Oase
Tina führte uns aber nicht nur durch die endlosen Weiten der Dünen. Auch die Pistenhungrigen unter uns kamen beim zirka 90 Kilometer langen Ausflug über die Steinwüste Reg Serir zum Markt in Rissani voll auf ihre Kosten. Unterwegs hielten wir an einer Oase, so eine richtige, wie aus dem Bilderbuch, mit Palmen und viel Ruhe. Unsere Begleiter kredenzten uns gegrilltes Hühnchen mit Brot und ich verschlang mein Mahl mit einem derartigen Hunger, wie ich ihn zuvor noch nie verspürt hatte.
Abschied und Wehmut
Am letzten Morgen in der Wüste verabschiedete ich mich noch ausgiebig und stilvoll von meinem neuen Freund, dem Sand, bei einer vorfrühstücklichen Tour durch die Dünen mit meiner Begleiterin „Turbo Tanja“. Wir kosteten diesen wunderbaren Moment, bei Sonnenaufgang durch den Sand zu preschen, voll aus. Wie oft im Leben werde ich diese Möglichkeit wieder bekommen?
Wieder zurück im „normalen“ Leben fällt es mir noch schwer, den Alltag zu verstehen und vor allem zu akzeptieren. Zu schön war das Erlebte.
Vielen Dank an dieser Stelle nochmal an die Mädels, es war einfach spitze mit euch und danke Tina, dass Du mir dieses Abenteuer ermöglicht hast!
Über die Autorin:
Seit zwei Jahren ist Franziska Huber so oft es geht mit dem Bike unterwegs, seit einem Jahr auch offroad. Mittlerweile gehört nebst ihrer „Dicken“, einer 2-Zylinder BMW F650 GS, auch eine kleine Kawasaki KLX 250 zu ihrem Fuhrpark. „Das Motorradfahren bereichert mein Leben ungemein. Hier bin ich so sehr ich, erlebe meine Umwelt ganz anders“, schwärmt die 36-jährige IT-Projektmanagerin aus der Steiermark.
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