
In der Fahrschule: Die Stimme im Helm
Bei einer meiner „Get Back on Bike“-Klientinnen stand gar nicht so sehr ihr Unfall im Fordergrund unserer Arbeit, sondern vielmehr die Wut und der Ärger über ihren Fahrlehrer. Ihr Unfall war am letzten Tag ihres Intensivkurses passiert. Am nächsten Tag sollte die Prüfung sein. Sie waren in der Dämmerung in einem Wildwechselgebiet unterwegs und ihr autofahrender Fahrlehrer hatte ihr über Funk die Anweisung gegeben, nicht so zögerlich zu fahren. Gegen ihr Bauchgefühl folgte sie seiner Anweisung und es kam, wie es kommen musste: Ein Wildschwein sprang aus dem Maisfeld auf die Fahrbahn. Kollision, Sturz, Wildschwein weg, Schreck groß. Der Fahrlehrer war mit der Situation komplett überfordert, rauchte eine Zigarette nach der nächsten und war sauer, dass er jetzt den Ärger mit der Versicherung vor sich hatte.
Zur Vorgehensweise bei „Get Back on Bike“ gehört es, nicht direkt am Unfall zu arbeiten, denn über das detaillierte Erzählen entsteht eine Art Sog tiefer in den Unfall hinein. Mit jedem Satz werden die Symptome (z.B. Angst, Herzrasen, nasse Hände, Zittern, weiche Knie, Kopfschmerzen, Übelkeit etc.) verstärkt. Eine der Ausgangsfragen ist vielmehr: „Wann hattest Du das erste Mal das Gefühl, dass etwas nicht stimmt?“ Und ich war überrascht zu hören, dass dieser Moment lange vor dem eigentlichen Unfall an einer Ampel war. Als nämlich der autofahrende Motorrad-Fahrlehrer ihr die Anweisung gab, bis zur roten Ampel durchzufahren und nicht so lahm darauf zuzurollen. Wohlgemerkt: Fahrschülerin am dritten Tag ihres achttägigen Intensivkurses!
Widerstand zwecklos?
Im Nachhinein war es für meine Klientin nicht nachvollziehbar, warum sie, die sich in ihrem Leben sonst durchaus zu wehren weiß, hier gegen ihr Bauchgefühl die Anweisung umgesetzt hat. Mit dem Ergebnis, dass sie die Bodenverhältnisse falsch einschätzte und an der Ampel fast umgekippt wäre. All ihre Wut, all ihr Ärger auf den Fahrlehrer und all ihre Verunsicherung blieb unter ihrem Helm gefangen. Sie fuhr brav weiter, aber jedes Mal, wenn sich wieder der Funk eingeschaltet hat, waren die Wut und der Ärger wieder da – und die Unsicherheit.
Warum wehren wir uns in solchen Situationen nicht? Warum grummeln wir in der Abgeschiedenheit unseres Helmes still vor uns hin und fügen uns in unser „Schicksal“? Hier spielen mehrere Faktoren zusammen:
Zum einen fehlt einem gerade als Fahrschüler schlicht der Vergleich. Woher soll man auch wissen, wie andere Fahrschulen unterrichten? Also vertraut man darauf, dass der Fahrlehrer weiß, was er tut. Selbst wenn der eigene Bauch einem sagt: „Hier stimmt was nicht!“, der Kopf sagt: „Was weißt Du schon? Ruhig jetzt, mach weiter!“
Ein bisschen spielt auch mit rein, dass Kritik am Fahrlehrer ja auch bedeutet, die eigene Entscheidung für diese Fahrschule in Frage zu stellen. Und das fällt vielen per se schwer.
Und nicht zu unterschätzen ist der Faktor, was wir über das Befolgen von Anweisungen in unserem Leben gelernt haben. Ein Fahrlehrer ist für uns eine Obrigkeit und hat man gelernt der zu gehorchen, hat der innere Widerstand kaum eine Chance durchzukommen.
Was wäre wenn?
Im geschützen Bereich unseres vier-Augen-Gesprächs habe ich meine Klientin ermutigt, zu erkunden, was sie an der Ampel stattdessen am liebsten gemacht hätte. Im Rückblick war ihr erster Impuls, nach hinten zu gehen und dem Fahrlehrer für seine duselige Anweisung den eigenen Helm links und rechts um die Ohren zu hauen, verbunden mit ein paar zünftigen Beschimpfungen. Die damals verkniffene Energie kam dadurch wieder in Fluss und ihre eigene innere Erlaubnis, die Anweisung anzuzweifeln, entspannte sie merklich. Danach war der Blick wieder klar und als sie innerlich wieder zurück zu ihrem Motorrad gegangen ist, fühlte sie sich wieder locker und voller Vorfreude.
„Ich darf!“
Gerade Frauen sind nicht wirklich Meisterinnen des Widerstands. Gelernt ist gelernt. Für Männer ist es normal(er) auch mal zu poltern. Frauen grummeln eher still, in der Hoffnung, dass das Gegenüber seinen Fehler dadurch von selber bemerkt. Hinterher ärgern wir uns dann zünftig über uns selber. Egal ob wir in der Werkstatt als ein wenig dumm abgestempelt wurden, oder auf einer Tour versucht haben mitzuhalten, obwohl uns das Grundtempo zu hoch war. Oder bei einem Motorradtraining die komischen Anweisungen des Instruktors brav befolgt haben. Denn das Thema Grenzen setzen, endet ja nicht mit dem Bestehen der Fahrprüfung. Dann fängt es ja erst richtig an!
Alte Muster erforschen – und verändern
Jede der beschriebenen Situationen ist eine Chance, ein altes Denk- und Verhaltensmuster zu erforschen und IN DER SITUATION zu verändern. Nicht erst zu Hause, im stillen Kämmerlein im Kopfkino all das sagen, was man in der Situation hätte sagen wollen. Ja, es braucht ein wenig Mut einem Fachmann Widerstand zu leisten. Aber mal ehrlich: Kennt der Techniker in der Werkstatt Deine Maschine so gut wie Du? Kann er wirklich abschätzen, ob das Geräusch anders ist als sonst? Und ob sich Dein Bike anders anfühlt, als bisher? Nein, kann er nicht. Und kann der Trainer im Schräglagentraining beurteilen, was Dein Bauch zu dieser Übung sagt? Nein, kann er nicht.
Daher mein Tipp: Übt Euch im Widerstand! Jedes Mal ein bisschen. Denn dann können sich der Ärger, Wut und Unzufriedenheit nicht ansammeln. Und was sich nicht ansammelt, kann auch nicht zur Sturmflut werden. Das ist auch gesünder, für Dich und Deine Umgebung.













