
Das etwas andere Kurventraining
Ich bin was das Motorrad betrifft, Fahranfängerin. Vor 2,5 Monaten habe ich mir eine BMW F650GS gegönnt und wir beide haben jede Menge Spaß. Wann immer das Wetter und die Zeit es zulassen, cruise ich hier um die Seen des 5-Seen-Landes. Auf meine bisher gefahrenen 3.500 km bin ich auch richtig stolz.
Vor einigen Wochen habe ich einen Tag Schräglagentraining gemacht, denn in jeder Kurve merkte ich, dass sich mein Körper an meine beiden schweren Reitunfällen erinnert. Wen es schon mal – egal ob mit dem Motorrad oder bei einem anderen Unfall – geschmissen hat, weiß: Die Angst fährt seitdem mit. Nur redet kaum jemand darüber. Gerade wenn ich meinem männlichen Mitbiker versuche zu erklären, warum ich so vorsichtig um die Ecken schleiche, ernte ich nur verständnislose Blicke und den Tipp: „Trau Dich halt. Passiert schon nix.“ Das weiß mein Kopf rein theoretisch auch. Nur kommt mein Körper auf so blöde Ideen, wie Luft anhalten und Arme, Nacken und Rücken versteifen, wenn ich eine Kurve nicht einsehen kann.
Rein neurobiologisch macht mein Körper genau das richtige. Er reagiert auf die drohende Gefahr mit Erstarren. Nur tut er das bereits in einem Bereich, der rein situativ noch gar keine Gefahr darstellt. Denn: Mein Körper kann aufgrund der gespeicherten Erfahrungen nicht mehr situativ angemessen reagieren. Das muss er erst wieder lernen. Und alleine über das immer und immer wieder tun, funktioniert es nicht. Denn rein neurobiologisch wird der Teil meines Gehirns, in dem die Unfallerfahrung gespeichert ist, immer schneller reagieren, als der Teil der lernt. Zwar kann ich durch viel (gute) Erfahrung und viel Übung hier meinen persönlichen Spielraum erweitern, aber in einer Gefahrensituation werden immer die alten Reflexe greifen.
Wer hier nachhaltig Abhilfe schaffen möchte, dem empfehle ich ein paar Sitzungen bei einem Traumatherapeuten. Ich selber bin kurz vor Abschluss der Ausbildung und ich habe bereits mit meiner Supervisorin (sie ist auch Bikerin) an meinen Rechtskurven gearbeitet. Es ist faszinierend, wie man hier fern ab von Bike und Straße an diesem Thema arbeiten kann. Gerade beim Schräglagentraining war der Unterschied zwischen links und rechts deutlich spürbar.
Wer keine Lust auf diesen Weg hat, der kann jetzt im Winter in der guten Stube seinem Körper in aller Ruhe ein bisschen „Nachhilfe“ geben. Man braucht dafür nur ein paar dicke Kissen auf die man sich setzen kann und einen Türrahmen. Und so geht`s:
Legt ein paar Kissen übereinander und setzt Euch so drauf, als wenn Ihr wie auf dem Motorrad sitzt (also Knie und Unterschenkel rechts und links). Baut den Turm aber nicht zu hoch, denn ein wenig stabil sollte die Ausgangsposition schon sein. Platziert den Kissenstapel in einem Türrahmen oder neben einer Wand. Am Anfang lieber etwas dichter. Wenn Ihr die Übung ein paar Mal gemacht habt, könnt Ihr mit dem Abstand rumprobieren.
Ziel der Übung ist, wahrzunehmen, was genau in Eurem Körper passiert, wenn Ihr Euch laaaaaaaaangsam zur Seite neigt. Welche Muskeln spannen sich automatisch an? Was macht mein Körper überhaupt, wenn die Neigung ins Spiel kommt? Am Anfang wird vielleicht wenig passieren, aber bitte trotzdem nicht das Tempo oder gleich den Abstand erhöhen, denn die Übung funktioniert nur, wenn Ihr sie wirklich ganz langsam macht. Wenn man so um die Kurven saust, bekommt man nämlich überhaupt nicht mit, was da wann wo fest wird. Dafür geht alles viel zu schnell.
Sobald Ihr Euch an irgendeiner Stelle unwohl oder unsicher fühlt, geht Ihr wieder auf die Ausgangsposition zurück und wartet bis das ungute Gefühl abgeklungen ist. Reckt und streckt Euch auch ruhig ein paar Mal, guckt Euch im Raum um und reibt Euch über die Oberschenkel. Und dann probiert es noch einmal. Wieder ganz langsam und wieder nur so lange wie es sich gut anfühlt. Geht nicht über den Punkt hinaus. Pendelt ein paar Mal zwischen diesen Polen und Ihr werdet merken, dass der Bereich in dem es angenehm ist, langsam größer wird. Am Anfang ist es besser bei der Übung die Augen offen zu halten. Erst wenn Ihr Euch sicher genug fühlt, könnt Ihr Euch auch ein paar Mal mit geschlossenen Augen zur Seite neigen.
Die Übung funktioniert noch besser, wenn Ihr sie mit einem Partner, dem Ihr vertraut, zusammen machen könnt, denn dann ist der Widerstand gegen den Ihr Euch lehnt angenehmer als eine kalte, harte Wand. Außerdem könnt Ihr dann auch besser mit dem Neigungswinkel experimentieren. Aber wer lieber alleine üben möchte, kann sich auch gegen einen Sessel oder das Sofa lehnen. Wichtig ist nur, dass dieses Möbel wirklich fest steht und nicht irgendwann ins Rutschen kommen kann. Denn dann ist die Übung sogar eher kontraproduktiv.
Macht nicht zu viele Wiederholungen, sondern max. 5-7 Mal - die dafür wirklich langsam und konzentriert. Je mehr Ihr von Eurem Körper mitbekommt, umso besser. Und wie gesagt: Sobald es unangenehm wird, zurück in die Mitte.
Weitere Infos:
www.somatic-experiencing.de
Über die Autorin
Wenn es nach Karin Intveens Vater gegangen wäre, wäre sie Versicherungskauffrau oder – wie er – Jurist geworden. Und ganz sicher hätte sie niemals den Motorradführerschein gemacht, geschweige denn ein Motorrad besessen. Aber da sie schon immer lieber das Gegenteil von dem getan hat, was “man” von ihr erwartet, arbeitet sie heute als Coach im Süden von München und cruised wann immer Zeit ist am liebsten um die 5 Seen.
Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt im Somatic Coaching, einer Kombination aus klassischen Coaching-Elementen mit den neuesten Erkenntnissen aus Neurobiologie und Stressforschung. Da sie selber einige schwere Reitunfälle erlebt hat, ist sie beim Thema Stress auf dem Motorrad ihr eigenes Versuchskaninchen und weiß, wovon sie redet.
Wer neugierig ist, was genau Somatic Coaching ist, findet auf ihrer Website viele interessante Informationen.














