
EICMA 2010: „Mädel, geh’ mal auf die Seite, damit ich das Motorrad besser fotografieren kann!“
Das dürften die Mädchen, die sich da spärlich bekleidet und mit entsprechender Gänsehaut auf den Maschinen räkeln, eher selten gehört haben.
Ich bin auf der EICMA 2010 in Mailand, der größten Zweiradmesse Europas. Und da gehören Frauen als Dekoration einfach dazu: Kleidergröße 32, Miniröckchen wie ein breiter Gürtel, Stilettoabsätze nicht unter zwölf Zentimeter. Großzügig lassen sie sich von manch einem Besucher in den Arm nehmen, damit sein Ragazzo mit dem Handy ein hübsches Bild schießen kann. Ich bin natürlich nur wegen der Motorräder hier und mache mich auf die Suche nach den deutschen Vertretern. Doch auch bei BMW geht nichts ohne weibliche Unterstützung.
Nebenbei bemerkt: Die Frauen auf dem BMW-Messestand trugen noch am meisten Textil und Leder am Körper. Das eher brave Outfit passte auch besser zu der sich etwas altbacken präsentierenden neuen BMW-6-Zylinder-Maschine. Die K 1600 GT wiegt vollgetankt – aber ohne Koffer! – über 320 Kilogramm und wirkt auf mich so erfrischend wie ein Kühlschrank im Look der 50er Jahre. Dafür bietet der Reisedampfer einige technische Highlights. Je nach Fahrbedingungen hält er die drei Modi Rain, Road und Dynamic zum Einstellen bereit. Optional gibt es die dynamische Traktionskontrolle DTC und das adaptive Kurvenlicht: Der Scheinwerfer schwenkt bei Kurvenfahrt mit und gleicht sogar die Nickbewegungen des Motorrades aus.
Technik können die bei BMW, Design – das ist Geschmacksache und es sei einmal dahin gestellt, ob das der K 1600 GT den des italienischen Publikums trifft, denn das ist im Durchschnitt deutlich jünger als bei ähnlichen Veranstaltungen in Deutschland. Es kommt entsprechend temperamentvoll daher und feiert die EICMA wie eine große Party mit Musik und Live-Shows der Radiosender, Supermoto- und Enduro-Rennen im Freigelände. Und heute, am Freitag, brauchen Frauen keinen Eintritt zahlen, was mir immerhin 18 Euro spart.
Dafür bin ich nicht allein hier in den Hallen und beim Probesitzen muss ich manchmal schon aufpassen, dass ich nicht abgedrängt werde. Eine interessante Variante des Vordrängelns ist das Aufsteigen von rechts: Während ich noch links warte, dass der Interessent vor mir endlich Platz macht und zur Seite tritt, schwingt sich von rechts ein anderer in den Sattel. Glücklicherweise reichen meine italienischen Sprachkenntnisse aus, um dieser Unhöflichkeit verbal begegnen zu können.
Bei den Enduros von KTM ist das Gedrängel nicht so groß. Ich probesitze mich durch meine Lieblingseinzylindercrosser, bis ich die überarbeitete 1190 RC 8 R entdecke, Sie bekam vier PS mehr spendiert und gehört mit 175 PS zu den stärksten Serien-Zweizylinder der Welt. Damit peilt sie – ganz im Sinne der hauseigenen Ready-to-Race-Philosophie – alle Hobbyrennfahrerinnen und passionierten Renntrainingsteilnehmerinnen an. Ihre knapp 200 Kilogramm Gewicht (trocken) kommen in auffälligen Lackierungen daher, die mir gut gefallen. Es wird sich hinter der Scheibe geduckt, als ob die Startampel gleich auf grün springt. Ein anderes farbliches Highlight ist die limitierte Auflage der Adventure 990 Dakar mit blauen Verkleidungsteilen und orangefarbenen Sturzbügeln. Die Sturzbügel in diesem leuchtenden Orange wären ja etwas für meine eigene lackschwarze Adventure 950 …
Der Stand von MV Agusta zeigt, dass weniger auch mehr sein kann: In einem Kubus aus Milchglas steht die neue F3. Nur eine einzige Maschine, aber was für eine Schönheit! In der Tradition der alten MVs ein Dreizylinder, 675 Kubik Hubraum, kompakt zierlich, fast filigran – die vielleicht bestaussehende Mittelgewichtssportlerin auf dieser Messe. Features wie Ride-by-Wire, Traktionskontrolle und komplett einstellbare Marzocchi-Gabel überzeugen von der technischen Seite. Hier ist kein Probesitzen erlaubt. Bellissima bleibt unnahbar. Der Verkauf wird voraussichtlich erst gegen Ende 2011 starten, der noch nicht bestätigte Preis von zirka 11.500 EUR wäre eine echte Überlegung wert. Doch zu spät. Laut MV.Chef Castiglioni ist die Produktion erst einmal auf 3000 Stück begrenzt und diese sind alle schon reserviert.
Bei Kawasaki steht die runderneuerte Ninja ZX-10R im Mittelpunkt. Schwarzes Spiegelglas und grüne Scheinwerfer erzeugen hier eine fast mystische Atmosphäre. Der mit nominellen 200 PS ausgestattete Renner soll der derzeitigen Klassenbesten BMW S 1000 RR Paroli bieten. Erste Testberichte lassen vermuten, dass dieses Vorhaben gelingen könnte.
Honda brennt mit gleich fünf Neuheiten ein wahres Feuerwerk ab. Besonderes Augenmerk der Entwickler galt der CBR-Reihe, die mit der 125R, 250R und 600F sportliche Einsteiger, Aufsteiger und Umsteiger im Visier hat. Auffälligste Neuerscheinung ist der Honda Crossrunner, ein Mix aus Performance-Naked- und Adventure-Bike, Das Triebwerk ist der VFR 800 entliehen und verspricht mit 102 PS dynamischen Fernreisekomfort. Die Besonderheit hier: Der V4-Motor schaltet bei höheren Drehzahlen von Zwei- auf Vierventilbetrieb um.
Bei Ducati, wo das Motorradfahrerherz am italienischsten schlägt, wird das Gedrängel durch Security-Posten etwas reglementiert: Auftritt der neuen Diavel! Diavel – der Name wird genauso betont wie die deutsche Übersetzung Teufel, also auf der ersten Silbe. Der Motor ist eine Weiterentwicklung der Multistrada 1200, bringt mit 162 PS aber mehr Leistung und stemmt satte 127 Nm auf die Kurbelwelle. Für mich ist die massige Frontpartie des Powercruisers eher gewöhnungsbedürftig, dafür lassen sich die Soziusfußrasten komplett wegklappen, so dass sie die schlanke Linie nicht stören. Diese Idee, die schon bei der MT 01 von Yamaha umgesetzt wurde, gefällt mir sehr gut, schließlich habe ich bei meinen eigenen Sportler-Maschinen früher die Soziusrasten immer komplett abgebaut.
Ich lasse mich von meiner Neugier weitertreiben: bei Aprilia die Tuono und die Dorsoduro 1200, bei Guzzi der Retro-Racer V 7, bei Triumph die beiden neuen Tiger-800-Modelle und die Daytona 675 R, bei Suzuki die aufgehübschten 600er und 750er Modelle, ich kann es irgendwann gar nicht mehr alles aufnehmen.
Als Tribut an die italienische Rollerleidenschaft werden auf der EICMA auch viele Rollermodelle gezeigt, und hier haben die Mädchen dann stilecht Petticoats und Tupfenröcke an.
Einen Blick in die Zukunft der Rollertechnologie zeigt BMW mit der Studie Concept C. In Design und Technik entfernt sich der Roller wenig von den Motorrädern der Marke und soll wahlweise mit Zweizylinder-Reihenmotor oder Elektromoter erhältlich sein. Als besonderes Schmankerl wollen die bayrischen Ingenieure auf konventionelle Rückspiegel verzichten und stattdessen zwei Videokameras im Heck installieren, die via Monitore im Cockpit die Fahrerinnen über das rückwärtige Geschehen informieren.
Ich möchte noch den Zubehörmarkt erwähnen: Ein absoluter Hingucker sind immer wieder die aus dem Vollen gefrästen und fein verarbeiteten Zubehörteile aus Alu. Die Fußrastenanlagen, Gabelbrücken und Hebel in allen denkbaren Farben funkeln und glitzern in den Glasvitrinen der Aussteller. Es erinnert mich an Gold und Geschmeide in edlen Schmuckkästchen.
Bevor ich mich auf die Heimreise mache, nehme ich noch schnell einen doppelten Espresso, die Essenz des italienischen Lebensgefühls. Den Preis von 15 EUR für den PKW-Parkplatz möchte ich dann eher als gefühlte Wegelagerei bezeichnen. Selbstverständlich konnten Motorrad- und Rollerfahrer kostenlos parken. Aber wer fährt schon im November mit dem Motorrad über die Alpen nach Mailand? Ich fahre jedenfalls nächstes Jahr wieder hin – mit der Dose.
Die Linke zum Gruß, Karin H.
www.motorradfahrspass-fuer-frauen.com
Text: Karin Holst
Bilder: KarinHolst, eicma.it,
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